Sektion 1: Konflikt und Konsens: Wissenschaftsgeschichten der Kunstgeschichte
Carolin Behrmann, Bochum

Arbeit, Industrie und Öffentlichkeit: Kunstgeschichte „für alle“ im Spätkapitalismus

In den 1970er Jahren sind die Impulse, Kunstgeschichte „für alle“ verständlich in die Öffentlichkeit bringen zu wollen, nicht nur reformorientierte wissenschaftspolitische Maßnahmen. Im Westen der BRD ist es die Industrie, die mit der Kunst- und Kulturförderung ein gesellschaftspolitisches Interesse verbindet. Der Beitrag diskutiert am Beispiel der Vermittlung kunsthistorischen Wissens an der Ruhr-Universität Bochum, wie Methoden und Praktiken von der industriellen Forderung nach einer allgemeinverständlichen Vermittlung alter und neuer Kunst und den Interessen des Kunstmarkts gelenkt waren. Besonders in den industriellen Standorten des Westens an Ruhr und Rhein wird die Erwachsenenbildung und Kulturförderung mit dem Wiederaufbau der stark kriegszerstörten Region verbunden. An der 1961 neu gegründeten Ruhr-Universität ist es Max Imdahl, der mit seinen „Arbeitergesprächen“, geführt mit ausgewählten Vertrauensleuten der Bayer AG in Leverkusen (1979–1988) in dialogischer Form über die Kunst der Gegenwart und später auch der klassischen Moderne, diese Vermittlungsarbeit betreibt. Anhand einer vertiefenden Auseinandersetzung mit Archivalien zu Imdahls Vermittlungsansatz und der Rezeption seiner Methoden an Museen und Akademien wird danach gefragt, wie die Idee der Kunstgeschichte „für alle“ in Relation zur ökonomischen Situation des Ruhrgebiets in den 1960er und 1970er Jahren steht. Ebenso wird ein Vergleich mit anderen Vermittlungsansätzen (z. B. dem Funkkolleg Kunst) Ähnlichkeiten, aber auch die teilweise scharf debattierten Unterschiede dieser Ansätze herausarbeiten.
Carolin Behrmann
Ruhr-Universität Bochum