Sektion 6: Zählen, Skalieren, Automatisieren: Digitale Wissensprozesse in der Kunstgeschichte
Elke Katharina Wittich, Hannover
Beschreiben und Klassifizieren. Folgen transdisziplinärer Zugänge am Beispiel Iconclass
Die Institutionen der Kunst- und Bildgeschichte zählen das Schützen und Bewahren, das Begutachten und Beurteilen von kulturellem Erbe zu ihren genuinen Aufgaben. Dies gilt auch für Gattungen mit quantitativ umfassenden Beständen wie Baudenkmälern und Fayencen oder Druckgrafik und Numismatik sowie für zeitgenössische digitale Kunstproduktion. Denn längst sind wir im Zeitalter nicht nur der Reproduzierbarkeit, sondern der zeitgleichen Reproduktivität des Kunstschaffens angekommen. Gleichwohl ist die Methodik der Disziplin nicht quantitativ, sondern qualitativ ausgerichtet, und es gibt gute Gründe dafür, dies auch weiterhin zu verfolgen. Ein Argument für eine Beibehaltung dürfte die Befähigung zu gründlicher und kritischer Analyse sein. Jedoch wird gerade diese Befähigung durch KI besonders herausgefordert, wenn KI wichtige Aufgaben wie das Ordnen von Bildern und Objekten nach vorgegebenen Kriterien übernimmt oder mit ihrer Unterstützung Datenbestände aus Sammlungen in einer Größenordnung bereitgestellt werden können, die die bislang gekannten Mengengerüste bei weitem überschreiten.
KI birgt das Versprechen, auch die Gattungen mit umfangreichen Beständen besser bearbeiten zu können. Damit geraten die Kernkompetenzen der Kunstgeschichte – Beschreiben und Klassifizieren – ins Zentrum des Interesses. Seit den 1940 Jahren wurde mit Iconclass ein zunächst analoges, nun digital verfügbares Katalogisierungssystem geprägt und immer weiterentwickelt, das eine technikanaloge Klassifizierung von kulturellem Erbe ermöglicht. Heute sind unter
www.iconclass.org und dem Schlagwort
connecting collections die neuen Möglichkeiten der digital vernetzten Auswertung umfassender musealer Datenbanken einsehbar und für die Recherche nutzbar. Jedoch ist KI nicht einfach nur eine weitere technische Unterstützung, KI kann viel mehr, kann „mitdenken“, Vorschläge unterbreiten und jene Kernkompetenzen erledigen.
Was wir gewinnen und was auf dem Spiel steht, wird erst dann greifbar, wenn man die Möglichkeiten der Nutzung von KI in der Kunst- und Bildwissenschaft kennt und sich auf einen transdisziplinären Dialog mit der Informatik einlässt. Die Zusammenarbeit zwingt nicht zuletzt zur Überprüfung der kunst- und bildwissenschaftlichen Begrifflichkeit und Methodik. Und genau darin könnte auch die forschungstheoretische Perspektive liegen.
Elke Katharina Wittich
Leibniz Universität Hannover