Sektion 9: wissen als Handlung
Magdalena Nieslony, Innsbruck

Der moderne Hephaistos: Erkenntnispotentiale handwerklicher Arbeit

Formen der künstlerischen Arbeit haben sich seit den 1960er Jahren ins Unzählige vervielfacht: Als Reaktion auf die Kritik an der modernistischen Medienspezifik und Verehrung des (männlichen) Künstlergenies wurden Produktionsformen wie Dilettieren und Verlernen, deskilling und unlearning, zu Idealen und Erkennungsmerkmalen künstlerischer Schaffensprozesse. In meinem Beitrag werde ich die neuerliche Hinwendung der Kunst und der Kunstgeschichte zur Materialität ihrer Objekte diskutieren, wobei mich die handwerkliche Bearbeitung des Materials und deren Wissenspotentiale besonders interessieren. Unter Rückgriff auf Richard Sennetts kapitalismuskritische Ausführungen zum Handwerk (2008) werde ich mich zunächst der Arbeit des österreichischen Bildhauers Karl Prantl widmen, der 1959 in der burgenländischen Provinz das Europäische Bildhauersymposion im Römersteinbruch in St. Margarethen initiiert hat. Ich werde mit Sennett danach fragen, „inwieweit die Arbeitsweise des Handwerkers den Menschen eine Verankerung in der materiellen Realität zu bieten vermag“ und diese Frage dazu nutzen, den als essentialistisch verpönten Begriff der Materialgerechtigkeit zu diskutieren, der für die Bildhauer/-innen in St. Margarethen leitend war. Sennett bezieht sich in seiner umfassenden Definition des Handwerks auf eine dem Gott Hephaistos gewidmete Hymne Homers, und damit auf das archaische Verständnis des Handwerks als eine der Öffentlichkeit zu gute kommenden schöpferischen Arbeit, die zugleich – völlig anders als Kunst in ihrem modernen Begriff – auf Tradition und das Erlernen der je besonderen Fertigkeit basiert. Ähnlich beziehen sich die Teilnehmer/-innen der Bildhauersymposia bewusst auf ein uraltes Material und dessen archaische Bearbeitungsmethode, um „Zeichen“ für die eigene Zeit herzustellen. Mein Vortrag soll den besonderen Matrialbezug und die ihn begleitenden Diskurse der Steinbildhauer darstellen und schließlich die ‚Renaissance‘ der materialgerechten künstlerischen Haltung im heutigen Kunstbetrieb sowie deren Relevanz auch für neue künstlerische Medien skizzieren. Im Rahmen der erweiterten Begriffe der Materialgerechtigkeit und des Handwerks, die sich auf unterschiedlichste Produktionsfelder und kollektive Praktiken beziehen können, lassen sich die oftmals noch gültigen Bewertungskriterien der Originalität und Neuheit grundlegend in Frage stellen und bis dato als obsolet und überholt geltende Kunstformen aufwerten.
Magdalena Nieslony
Universität Innsbruck