Sektion 7: „Die Bilderwissenschaft ist mühelos“: ‚Glokales‘ Nichtwissen in den Bildkünsten
Daniel Bucher, Erlangen-Nürnberg
Die extraterrestrische Expansion des Kunstwerks ins Weltall. Wissen, Nicht-Wissen und Missverständnisse
„50 Jahre Apollo-12-Mission – Warhols Penis auf dem Mond“ betitelt der Deutschlandfunk Kultur 2019 einen Artikel und erzählt damit eine absurde, fast vergessene Geschichte: ein winziges Kunstwerk, das womöglich zu den ersten auf dem Mond – sogar überhaupt im Weltall – zählt. Als Teil des sogenannten Moon Museum wurde das Objekt, eine 1,4 × 1,9 cm kleine Keramikplatte mit Lithografien von sechs männlich gelesenen Künstlern, mutmaßlich in die Raumfähre von Apollo 12 geschmuggelt. Es ist eines der wenigen künstlerischen Zeugnisse, welche die Raumfahrt bereits früh begleiten. Dabei spiegeln sie nicht nur technologischen Fortschritt, sondern auch ein kulturelles Selbstbild wider – jedoch entpuppt sich dieses häufig als Ausdruck spezifischer Perspektiven.
Im extraterrestrischen Raum zeigt sich das visuelle Wissen als kulturell gebrochen. Was auf der Erde global anschlussfähig erscheint, erweist sich im Weltall als lokal kodiert. Diese Kunstwerke sind deshalb nicht nur als ästhetische Objekte, sondern auch als kritische Wissensspeicher zu verstehen, geprägt von Ausschlüssen, Machtverhältnissen und Missverständnissen. Im Fokus steht die Frage, wie Kunstobjekte im Kontext globaler Verbreitung wirken, wenn ihre Rezeption kulturell oder technisch inkommensurabel wird. Mit der möglichen Besiedlung des Sonnensystems erhält diese Frage in der Zukunft zunehmend Relevanz.
Heute können wir noch von einzelnen Objekten sprechen, wie den Pioneer-Plaketten (1972/73), dem Moon Museum (1969), den Moon Phases (2024) oder der Moon Gallery (voraussichtlich 2026). Sie variieren vom eingeschleusten Mikrobild mit einer penisähnlichen Signatur inmitten des Kalten Krieges bis zum recht eurozentristischen Prestigeobjekt einer kommerziellen Mondlandung. Als Wissensspeicher vermitteln sie eigene künstlerische Intentionen, Bilder und Inhalte. Jedoch werfen sie auch kritische Fragen auf: Wer kann daran teilhaben? Wer oder was wird tatsächlich repräsentiert? Sind sie von einer politischen, ökonomischen oder kulturellen Wissenskultur geprägt? Und wer kann auf die Wissensspeicher überhaupt zugreifen?
Gerade diese Beispiele, geknüpft an eine weiterhin wachsende Vision der extraterrestrischen Expansion, machen deutlich, dass Kunst im Weltraum kein Randphänomen ist und eine Herausforderung für die kunsthistorische Auseinandersetzung mit visuellem Wissensverständnis und seinen globalen Brüchen darstellen wird.
Daniel Bucher
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg