Sektion 8: Hülle und Fülle: Materialität und Erkenntnispotential von Wissensbehältern
Iñigo Salto Santamaría, Berlin

Entkleidet und vergessen? Leere Bucheinbände als Wissensbehälter

Die bisherige Forschung zu mittelalterlichen Bucheinbänden hat ihren Schwerpunkt auf Prachteinbände gelegt, deren kostbare Ausstattung als Pendant zur luxuriösen Gestaltung der illuminierten Handschriftenseiten gilt. In diesem Vortrag hingegen wird die Aufmerksamkeit auf Bücher gelenkt, die heute nur noch ihren hölzernen Kern bewahren und lediglich Spuren ihres einstigen Schmucks aufweisen.
Im Zentrum steht ein stetig wachsendes Corpus von derzeit etwa zwanzig Einbänden aus dem 9. bis 12. Jahrhundert. Ausgangspunkt ist der Cod. 1193 der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, dessen leerer Einband durch Adolph Goldschmidts Verbindung mit zwei Elfenbeintafeln in Berlin und Florenz bekannt wurde. Im Gegensatz zur traditionellen Fokussierung auf diese verlorenen Appliken widmet sich der Vortrag der Materialität und Provenienz der verbliebenen Buchdeckel.
Ausgehend von einer objektbiografischen Perspektive werden anschließend weitere Beispiele als archäologische Überreste vorgestellt, deren Beschaffenheit wertvolle Hinweise über Umformung und Zirkulation von Handschriften und Objekten preisgibt. Nach methodischen Ansätzen von J. A. Szirmai („The Archaeology of Medieval Bookbinding“, 1999) sollen materielle Spuren wie Vertiefungen und Nagellöcher untersucht werden, die als stille Zeugen vormals kostbarer Ausstattung und historischer Nutzungsprozesse gelesen werden können.
Abschließend thematisiert der Vortrag methodologische Fragen zur Katalogisierung dieser ästhetisch wenig ansprechenden, oft vergessenen Wissensbehälter. Wie kann der bisherige Fokus auf Kostbarkeit um eine inklusivere Perspektive erweitert werden, die auch diese Überreste eines verlorenen Glanzes miteinbezieht? Und wie kann die digitale Erschließung und Sichtbarmachung solcher Bestände durch internationale Plattformen in diesem Sinne ein wirksames Werkzeug sein?
Iñigo Salto Santamaría
Technische Universität Berlin