Sektion 3: Vision, Visualisierung, Verifikation: Bilder in der Wissenschaftsgeschichte
Christoph Orth, Weimar / Mira Claire Zadrozny, Weimar

Geologische Landschaften – Zur Epistemik der Goethezeichnung

Das Auge war vor allen anderen das Organ, mit dem ich die Welt faßte“ – so beschreibt Johann Wolfgang von Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ das Fundament seiner Form der Weltaneignung. Dass hierfür neben dem reinen Sehen auch die Praktik des Zeichnens eine bedeutsame Rolle spielte, belegen die über 2.500 erhaltenen Zeichnungen des Dichters, die er im Lauf seines Lebens anfertigte. Seit 2025 unterzieht die Klassik Stiftung Weimar dieses einzigartige grafische Œuvre einer wissenschaftlichen Neubewertung. Das Forschungsprojekt „Corpus der Goethezeichnungen“ hat sich neben der digitalen Präsentation des Werkverzeichnisses die Visualisierung von Verflechtungen des Mediums Zeichnung mit anderen Beschäftigungsgebieten Goethes zum Ziel gesetzt.
In Goethes Zeichnungen spiegeln sich immer wieder auch seine naturwissenschaftlichen Interessen, die – entgegen der thematischen Aufteilung, die Gerhard Femmel in seinem ab 1958 publizierten „Corpus der Goethezeichnungen“ vornimmt – eben nicht singulär stehen, sondern sich oftmals mit anderen Motiven wie Landschafts- und Architekturdarstellungen vermischen. Die Frage, die sich aus dieser Beobachtung ergibt, ist zunächst eine der Abgrenzung: Ab wann wird eine Zeichnung zu einem wissenschaftlichen Bild? Nicht jeder dargestellte Stein dient zwangsläufig der geologischen Studie – entstehen diese also zu wissenschaftlichen Zwecken oder werden sie erst zu epistemischen Bildern, wenn sie als solche genutzt werden, etwa wenn Goethe sie am eigens entworfenen Schreibpult anpinnte, um sie beim Verfassen von Texten unmittelbar präsent zu haben? Der Vortrag geht dieser Frage anhand von geologischen Zeichnungen nach, die Goethe auf Reisen durch Thüringen und in den Harz um 1784 anfertigte, und stellt das epistemische Potenzial der Zeichnung ins Verhältnis zu Goethes wissenschaftlicher Bildpraktik, die weit über den Zeitraum der Entstehung der Blätter hinausreicht.
Christoph Orth
Klassik Stiftung Weimar
Mira Claire Zadrozny
Klassik Stiftung Weimar