Sektion 4: Wissen und Wirken populärer Bilder
Christina Clausen, Darmstadt
Geschichte erleben im Computerspiel? Das mittelalterliche Böhmen in „Kingdom Come: Deliverance II“
Schon drei Monate nach seiner Veröffentlichung im Februar 2025 erreichte das Computer-Rollenspiel „Kingdom Come: Deliverance II“ die Marke von drei Millionen verkauften Exemplaren. Damit hat es zahlreiche Menschen erreicht, die im Schnitt 50 Stunden durch das simulierte Böhmen des frühen 15. Jahrhunderts gestreift sind. Das tschechische Entwicklerstudio Warhorse Studios betonte von Beginn an, dass die Spielwelt ein ‚authentisches‘ Mittelaltererlebnis ermögliche.
Dieser umfassende Authentizitätsanspruch ist aus diversen Gründen unmöglich zu erfüllen, stellt aber ein zentrales Werbeversprechen in Abgrenzung zu anderen ‚mittelalterlich‘ inspirierten Spielen dar. Die Aussage ist besonders dann problematisch, wenn ein fiktives und subjektives Geschichtsbild zur politischen Identitätskonstruktion verwendet wird. Genau das geschieht gerade mit dem ästhetisch eindrucksvollen und international erfolgreichen Computerspiel. So übergab die Stadt Kutná Hora, die im Spiel einen wichtigen Handlungsort bildet, dem tschechischen Ministerpräsidenten während eines Besuchs eine Sammleredition des Spiels.
Bereits der Vorgängertitel von 2018 wurde für sein teilweise extrem konservatives Gesellschaftsbild kritisiert, z. B. in Bezug auf die Darstellung von Frauen und People of Color. Die Kritik an „Kingdom Come: Deliverance I“ hat eine grundlegende Diskussion über die Frage ausgelöst, ob Computerspiele per se politisch sind. Angesichts des Versprechens von ‚historischer Korrektheit‘ und der gängigen Praxis, Geschichtsbilder als normative Idealvorstellung auf die gegenwärtige Gesellschaft zu übertragen, sind die überaus suggestiven digitalen Welten von historisierenden Computerspielen unbedingt als politisch zu betrachten.
Bei aller notwendigen kritischen Reflexion ist es dem Spiel aber auch gelungen, einen historischen Kulturraum im visuellen Gedächtnis eines Massenpublikums zu verankern. Bereits jetzt verzeichnet die Burg Trosky, die im Spiel erkundet werden kann, deutlich erhöhte Besuchszahlen. Auf diese Weise wirken Computerspiele an einer Kanonisierung von Baudenkmälern und der Popularisierung von Geschichtswissen mit, in die sich Historiker/-innen und Kunsthistoriker/-innen unbedingt einbringen sollten.
Im Rahmen dieses Vortrags wird das Verhältnis von unterhaltsamer Wissensvermittlung und suggestivem Geschichtsbild anhand des Beispiels „Kingdom Come: Deliverance II“ aus kunsthistorischer Perspektive diskutiert.
Christina Clausen
Technische Universität Darmstadt