Sektion 1: Konflikt und Konsens: Wissenschaftsgeschichten der Kunstgeschichte
Jo Ziebritzki, Bochum
Geteilte Erfahrungsräume? Geschlechterdynamiken in der Wiener Schule der Kunstgeschichte
Wie lässt sich die Geschichte der Wiener Kunstgeschichte als von Studierenden und Professoren geteilter Erfahrungsraum erzählen? Dieser Frage gehe ich in meinem Vortrag in Anlehnung an die Frage nach Denkkollektiven nach, indem ich praxistheoretisch und sozialhistorisch das Zusammenspiel von Studierenden, Assistenten/Assistentinnen und Professoren an den beiden kunsthistorischen Instituten in Wien zwischen 1910 und 1930 untersuche. These ist, dass die bekannten Ordinarien der Wiener Schule die Interaktion mit Studierenden brauchten, um Anregungen und Korrektive zu finden und ihre Wirkung zu entfalten. Doch werden die Studierenden in einschlägigen Werken der Geschichte der Kunstgeschichte nicht erwähnt. Wie waren ihre Studienerfahrungen und wie trugen sie zur Forschung bei? Diese Frage wird anhand der Zugänglichkeit der Institute und ihrer Bibliotheken, der Beziehungen zwischen Professoren und Studierenden, Lehrmethoden, Forschungsausrichtungen und Netzwerksbildung untersucht. Als Quellen dienen Festschriften, Institutsgeschichten und Memoiren sowie Archivalien (Korrespondenzen, Inskriptionsakten etc.). Die Auswertung zeigt, dass die institutionellen Erfahrungsräume nicht für alle Studierenden gleich waren: Geschlecht, Klasse und Religion prägten die Studienerfahrung maßgeblich. Daher stellt sich die Frage, wie gesellschaftliche Entwicklungen – die Einführung des Frauenwahlrechts 1918 oder der im Alltag angekommene gewaltvolle Antisemitismus der 1920er Jahre – das Studium prägten. Welchen Handlungsspielraum hatten die Ordinarien in ihrer Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen? Und welchen Handlungsspielraum hatten die Studierenden in Bezug auf die Strukturierung ihrer Erfahrung an den kunsthistorischen Instituten? Ziel ist es, die Studierenden als konstitutiven Teil der Wiener Schule der Kunstgeschichte unter Berücksichtigung geschlechterhistorischer Aspekte sichtbar zu machen und ihren Beitrag zur Produktivität und Wirkungskraft dieser Schule herauszuarbeiten.
Jo Ziebritzki
Ruhr-Universität Bochum