Sektion 7: „Die Bilderwissenschaft ist mühelos“: ‚Glokales‘ Nichtwissen in den Bildkünsten
Katharina Serrano de Otto, Weimar

Geteiltes Wissen: Die Ananas als Bildobjekt kolonialer Wissensordnungen

Der Beitrag soll die Darstellung einer Ananas untersuchen, der in der Casta-Serie (1763) des mexikanischen Malers Miguel Cabrera eine Schlüsselrolle zukommt. Das Genre der Casta-Gemälde war Teil der transatlantischen Wissensproduktion des 18. Jahrhunderts: Es verhandelte Ordnungssysteme von Gesellschaft, Flora und Fauna für den europäischen Adressaten. Wie ich zeigen werde, erzeugt Cabrera jedoch nicht nur ‚Wissen‘ über die Neue Welt, sondern unterläuft koloniale Blickkonfigurationen, indem er Naturalien wie die Ananas zu Trägern eines komplexen semantischen Spiels macht.
In einem kurzen historischen Abriss werde ich darlegen, wie die Ananas als Symbol für Fruchtbarkeit und Exotik der Neuen Welt inszeniert wurde, als Motiv, das in kaum einer Reisebeschreibung oder Naturgeschichte der Kolonialzeit fehlt. Aufgrund ihrer ästhetischen Eigenheiten und der Rede von ihrem süßen Geschmack avancierte sie in Europa zur „Königin der Früchte“, einem als Nahrung kaum verfügbaren, dafür umso begehrteren Blickobjekt.
Wie ich zeigen werde, greift Cabrera die einhergehenden epistemischen Aufladungen auf und inszeniert im ersten Bild seiner 16-teiligen Casta-Serie die koloniale Wissensdifferenz als Kontrast zweier sinnlicher Register: 1. eine aufgeschnittene Ananas, die das gezeigte Kind isst, 2. davor angeordnet eine ganze, verschlossene Frucht, die sichtbar mit „Piña“ bezeichnet ist. An dieser Konfiguration werde ich entwickeln, wie Cabrera den colonial gaze als Blickregime, in dem Wissen eng mit (Bezeichnungs-)Macht und Besitz verbunden ist, unterläuft. Die Kolonialbewohnerin verfügt über die Ananas, die europäischen Betrachter/-innen bleiben auf das Sehen beschränkt und sind damit auf ihre Distanz zum begehrten Objekt verwiesen. Die unterschiedlichen Register des Wissens und Erfahrens, die hier die koloniale Ordnung und ihre vermeintlich souveräne Beobachterposition durchkreuzen, werde ich anhand der Ananas als einen Ort epistemischer Inkommensurabilität diskutieren. Mein Vortrag wird mit einer Diskussion schließen, inwieweit Cabreras Bild ein Beispiel für eine der Kolonialsituation spezifische Reflektion eines Nicht-Wissen ist, das sich gerade aus der vermeintlichen Mühelosigkeit visueller Aneignung ergibt.
Katharina Serrano de Otto
Bauhaus-Universität Weimar