Sektion 1: Konflikt und Konsens: Wissenschaftsgeschichten der Kunstgeschichte
Hans Christian Hönes, Aberdeen

Grenzen und Grenzerweiterungen: Kunst und die Wissenschaften, ca. 1900–1926 (und 2026)

In jüngeren Methodendiskussionen erscheint die Kunstgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts oft als bornierte Fachdisziplin, die sich engstirnig auf westliche Hochkunst und formalistische Methoden kaprizierte. Dass Forschern wie Aby Warburg (dem eine „Grenzerweiterung“ des Faches hin zu transkulturellen und bildwissenschaftlichen Fragestellungen vorschwebte) nicht mehr Erfolg beschieden war, sei symptomatisch für die Macht der Orthodoxie. Mein Vortrag argumentiert dagegen, dass eine solche Interpretation die institutionellen Dynamiken der Wissenschaftslandschaft des frühen 20. Jahrhunderts verkennt.
Die Bestimmung von Gegenstandsbereich und Methodenlehre der Kunstgeschichte war keine autonome Entscheidung der jeweiligen Fachvertreter. Vielmehr entwickelte sich der Zuschnitt der Kunstgeschichte im Wettbewerb mit anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Fächer wie Ägyptologie, Ethnologie und klassische Archäologie erhoben ebenfalls den Anspruch, für Teilgebiete der Geschichte der Kunst zuständig zu sein. Der Vortrag argumentiert, dass die kunsthistorische Selbstbeschränkung auf Formalismus und westliche Hochkunst somit als Versuch der Existenzsicherung in einer kompetitiven Wissensökonomie gewertet werden muss. Das junge Fach musste sich eine Nische erstreiten – in Abgrenzung zu benachbarten Fächern. Der Vortrag schlägt daher vor, dass eine Wissenschaftsgeschichte der Kunstgeschichte, die sich nur auf die Geschichte des gleichnamigen Faches beschränkt, zu kurz greift. Vielmehr ist es notwendig, die Entwicklung der Kunstgeschichte innerhalb einer breiteren interdisziplinären Konkurrenz und Methodendiskussion zu verorten. ‚Wissen‘ in der Kunstgeschichte ist oft von außerhalb des Faches diktiert.
Der Rückblick auf diese Prozesse der Disziplinarisierung zu Anfang des 20. Jahrhunderts erlaubt schließlich eine Reflexion über die Zukunft unserer Disziplin in einer Wissenschaftslandschaft, die zunehmend transdisziplinäre und problemorientierte Fragen priorisiert.
Hans Christian Hönes
University of Aberdeen