Sektion 1: Konflikt und Konsens: Wissenschaftsgeschichten der Kunstgeschichte
Johannes Rößler, Jena

Jan van Scorel und kein Ende? Die Kennerschaft des 19. Jahrhunderts als Denkkollektiv

Kunstkennerschaft gilt nach wie vor als Solipsismus einzelner Akteure mit methodisch fragwürdigen Prämissen. Ausgehend von Überlegungen von Ludwik Fleck (1896–1961) möchte der Vortrag zeigen, dass Zuschreibungen und Konstruktionen ganzer Werkkorpora oftmals die Leistungen von wissenschaftlichen Denkkollektiven sind, die durch die Konkurrenz untereinander zu validen Ergebnissen führen können.
Exemplarisch lässt sich dies anhand der Wiederentdeckung und Rekonstruktion des Werks von Jan van Scorel (1495–1562) im Verlauf des 19. Jahrhunderts nachvollziehen: Seit dem niederländischen Bildersturm 1566 galt er als Künstler ohne Werk, dennoch nannte ihn Karel van Mander im „Schilder-Boeck“ 1604 den „Lichtbringer“ der Malerei, da er eine entscheidende Rolle beim Transfer der Renaissance-Formen von Italien in die Niederlande eingenommen habe. Mit Fehlzuschreibungen von Werken an den Künstler beginnt kurz nach 1800 eine Zuschreibungsdebatte, die fast ein Jahrhundert anhält und um 1880 ihren Zenit erreicht. Konfliktbildend ist letztendlich die Gesamtbewertung ‚manieristischer‘ Formen im Werk Scorels, die von der einen Seite anhand von fragwürdigen ‚Originalen‘ anerkannt (Bode, Scheibler, Carl Justi, Oskar Eisenmann), von der anderen Seite mit Verweis auf den (noch) nordalpin geprägten, aber eindeutig authentischen Obervellacher Altar (1519/1520) vehement bestritten wird (Eitelberger, Hans Semper, Alfred von Wurzbach). Mit Ludwik Fleck argumentiert, gründet die Lösung eines kennerschaftlichen Problems nicht allein auf empirisch messbaren Erfolgen und Entdeckungen, sondern ebenso auf Irrtümern, wechselnden Rahmenbedingungen und bisweilen auf der Ausgrenzung missliebiger Fakten – schließlich: in der begrifflichen Konsensbildung konkurrierender Denkkollektive hinsichtlich der Zuschreibung einer Werkgruppe an einen Künstlernamen.
Johannes Rößler
Friedrich-Schiller-Universität Jena