Sektion 3: Vision, Visualisierung, Verifikation: Bilder in der Wissenschaftsgeschichte
Joanne Luginbühl, Bern
Kartografisches Experimentieren in Avignon: Epistemische Bildpraktiken um 1330
Christoph Lüthy und Alexis Smets beschreiben in ihrem
Artikel zur Geschichte wissenschaftlicher Bilder (2009), dass die Funktion und der epistemologische Wert eines Bildtyps oft nur im Zuge seines Aufkommens diskutiert und verhandelt wird.
In den 1320er und 1330er Jahren arbeiten in der Pönitentiarie am päpstlichen Hof in Avignon drei Autoren an kartografischen Werken, just zu der Zeit, als Portolankarten, die als die ersten zur Navigation verwendbaren Karten gelten, neben Mappaemundi und andere tradierte kartografische Formen treten. Gefördert von Johannes XXII., der den neuen Papstsitz als wissenschaftliches und künstlerisches Zentrum etablieren will, greifen sie auf ein großes Spektrum älterer und neuerer kartografischen Methoden und Wissensformen zurück, um ihre Vorhaben zu realisieren: Der venezianische Kaufmann Marino Sanudo visualisiert in seinem Kreuzzugstraktat sein Vorhaben mittels Karten; der Franziskaner Paolino Veneto verleiht seiner tabellarischen Weltchronik durch Karten eine räumliche Dimension. Opicinus de Canistris verbindet in seinen Zeichnungen kartografische, kalendarische, zodiakale und figürliche Elemente zu umfassenden Welt-Bildern – und entzieht die Karten damit einer praktischen Finalität.
So verschieden diese Werke visuell und in ihrer Funktion sind, zeugen sie doch von einem gegenseitigen Austausch und vor allem von einem gemeinsamen Modus kartografischen Experimentierens, der die Repräsentations- und epistemischen Möglichkeiten der Karte auslotet. Experimentieren meint hier die präzedenzlose Kombination und Anordnung kartografischer Elemente, vor allem aber deren Variation über die Handschriften und Zeichnungen hinweg, und damit ein genuin ergebnisoffenes Ausprobieren. Die avignonesische Kartografie – so soll mein Referat zeigen – ist beispielhaft für die Etablierung epistemischer Bilder, insofern sie von einem gesteigerten methodologischen Bewusstsein zeugt. Dabei wird Kartografie nicht (nur) diskursiv verhandelt, sondern fungiert vielmehr selbst als heuristisches Experimentierfeld und visueller Verhandlungsraum.
Joanne Luginbühl
Universität Bern