Sektion 9: wissen als Handlung
Teresa Mayr, Weimar
Queering Abstraction: Die Utopien Hilma af Klints
Die schwedische Künstlerin Hilma af Klint (1862–1944) gilt heute weithin als Wegbereiterin der abstrakten Malerei. Kunsthistorische Ansätze, die den westlichen Modernismus hinterfragen und die Konstruiertheit von Kategorien wie Abstraktion kritisch beleuchten, positionieren af Klint jedoch als weitaus komplexere Figur, als es das Stereotyp der ‚genialen Malerin‘ nahelegt.
Der Beitrag interpretiert af Klints künstlerische Arbeit – insbesondere den Zyklus „Gemälde für den Tempel“ (1906–1915) – als Träger sozio-politischer Utopien. Af Klint abstrahierte nicht nur ihre Gegenwart, sondern entwarf visionäre Zukünfte, in denen sie Konzepte von Identität, Geschlecht, Kunst und Natur de- und rekonstruierte. Der moderne Spiritismus eröffnete ihr Handlungsspielräume, in denen sie diese Utopien selbst erproben und ausleben konnte. Die Interpretation ihrer Gemälde erfolgt in narrativ-prosaischer Form, indem Bildräume textlich beschrieben und mit zeitgenössischen (queer-)feministischen Theorien verknüpft werden. Ergänzt wird diese Erkundung durch eine zeichnerische Annäherung, deren feministisches Potenzial entscheidend ist: Als visuelles Instrument ermöglicht die Zeichnung die kritische Befragung bestehender Narrative und bereichert zugleich die Ausdrucksformen wissenschaftlicher Praxis.
Im Einklang mit af Klints künstlerischen Praktiken der Wissensproduktion und ihrer Neudefinition von Kunst erweitert der Beitrag ihre Rezeption um eine transdisziplinäre, queere Perspektive. Methodisch-experimentelle Zugänge erweisen sich als zentral für die Entwicklung von Narrativen, die in normativen Kanons marginalisiert wurden und weiterhin marginalisiert werden. Der Beitrag ist als Lesung mit bildlicher Untermalung konzipiert.
Teresa Mayr
Bauhaus-Universität Weimar