Sektion 8: Hülle und Fülle: Materialität und Erkenntnispotential von Wissensbehältern
Joachim Berger, Nürnberg / Darja Jesse, Nürnberg
Schatzkammer oder Volksbildungsanstalt? Das Germanische Nationalmuseum als materieller Wissensbehälter der deutschen Vergangenheit
Durch museale Ausstellungs-, Sammlungs- und Vermittlungspraktiken werden bestimmte Narrative konstruiert, kommuniziert und verfestigt. Besonders virulent für eine Wissensgeschichte des Visuellen erscheinen jene musealen Praktiken, in denen (kunst-) historische Phänomene zur Konstruktion normativer gesellschaftlicher Modelle eingesetzt werden, kurzum: die visuell erfahrbare Vergangenheit als eine ‚Werte-Vorratskammer‘ für die Gegenwart aufgebaut wird.
Der Vortrag will am Beispiel des Germanischen Nationalmuseums nach der geschichtspolitischen Indienstnahme von Museen als visuellen Wissensbehältern fragen. Diese 1852 gegründete „Nationalanstalt“ sollte das Wissen um die „deutsche Geschichte, Kunst und Literatur“ sichern und vermehren, indem sie deren materielle und schriftliche Repräsentationen sammelte und der „deutschen Nation“ wiederum zur Verfügung stellte. Durch die bald 175-jährige Museumsgeschichte zieht sich eine Spannung zwischen zwei Zielvorstellungen: Sollte das Museum als „Schatzkammer der Deutschen“ deren historische Leistungen anhand ästhetisch-materiell herausragender Einzelstücke exemplifizieren, oder sollte es als kulturhistorische „Volksbildungsanstalt“ die Entwicklung möglichst aller menschlichen Lebensbereiche veranschaulichen?
Diesen Grundkonflikt überspielend, berief sich die Museumsleitung insbesondere in Krisen- und Umbruchsphasen immer wieder auf eine ungebrochene Tradition des Gründungsauftrags, während sie ihn zugleich neu auslegte. Der Vortrag wird beleuchten, wie faktisches und vermeintliches Wissen um die eigene institutionelle Historie, die disparaten Sammlungsbereiche und ihre vielgestaltigen baulichen Container zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingesetzt wurden, um das fragile Konstrukt eines „Nationalmuseums“ in wechselnden politischen Systemen und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen immer wieder neu zu stabilisieren.
Joachim Berger
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg
Darja Jesse
Germanisches Nationalmuseum