Sektion 9: wissen als Handlung
Birgit Hopfener, Freiburg i. Br.

Sheila Hicks’ taktile künstlerische Forschungspraxis in pluriversaler Perspektive

Thinking with hands ist eine körperbasierte Wissenspraxis, die im Zentrum der textilen Kunst der US-amerikanischen Künstlerin Sheila Hicks (*1934) steht. Beim Weben, Wickeln und Knoten werden in ihren taktilen Auseinandersetzungen mit verschiedenen textilen Materialien, ihren Strukturen und Eigenschaften, intuitive, körperliche Denkprozesse angestoßen. Die lebendig und bisweilen anthropomorph anmutenden soft sculptures sind nicht nur Artikulationen, sondern auch Medien und Agenten, die Betrachtenden einladen und aktivieren, Teil dieser taktilen Forschungspraxis zu werden.
Sheila Hicks’ Interesse an Kunst als taktiler und involvierender Wissenspraxis wird in der Forschung in erster Linie als selbstreferentielle Kritik am modernen westlichen Denken in binären Strukturen wie Kunst versus Handwerk oder rational versus sinnlich/taktil/emotional verstanden. Ihre Beschäftigung mit indigenen Kulturen und Techniken in Lateinamerika wird zwar regelmäßig genannt, aber nicht näher ausgeführt. Mit dem Ziel, zu einem pluriversalen historiografischen und konzeptionellen Bedeutungsrahmen für zeitgenössische Kunst beizutragen, zentriert der Vortrag indigene Epistemologien. Auf diese Weise sollen die „intellectual repositories“, wie es die Kunsthistorikerin Monica Juneja nennt, erweitert und so die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, neue kunsthistorische und philosophische Fragen zu stellen. Ausgehend von der Ausstellung „Free Threads, The Textile and its Prehispanic Roots 1954–2017“ (Museo Amparo, Mexiko, 2017–2018) sowie Forschungen zu lateinamerikanischen indigenen Konzepten von making as a way of knowing zum Beispiel von Marcelo González Gálvez und Elisa Loncon Antileo erarbeitet der Vortrag zusätzliche Bedeutungsebenen des Konzepts thinking with hands.
Birgit Hopfener
Universität Freiburg; Carleton University