Sektion 3: Vision, Visualisierung, Verifikation: Bilder in der Wissenschaftsgeschichte
Nina Caviezel, Rom

Spiegeln, Filtern, Framen. Visualisierungspraktiken des James-Webb-Weltraumteleskopes

Das James-Webb-Weltraumteleskop (JWST), welches seit 2021 im Orbit unseres Planeten stationiert ist, registriert Infrarotstrahlung und übersetzt diese in wissenschaftlich lesbare, vergleichbare und messbare Bilder. Diese Visualisierungen sind sowohl für die astronomische Forschung als auch – als sogenannte pretty pictures – für die populäre Wissenschaftskommunikation von Interesse. Dieser Beitrag fokussiert sich auf die Produktion und Auswertung der Bilder von JWST in der erstgenannten, naturwissenschaftlichen Praxis.
Basierend auf Laborbesuchen und Interviews am NASA Space Telescope Science Institute in Baltimore hebt er fünf zentrale Praktiken des Visualisierens hervor: Spiegeln, Filtern, Framen, Speichern und Annotieren. Dabei wird gezeigt, wie diese Praktiken dem teleskopischen und (astro-)fotografischen Apparat zugrunde liegen und sowohl historische als auch zeitgenössische Verfahren der astronomischen Bildproduktion prägen. Beispielsweise findet sich das Hinzufügen grafischer Elemente zur Auswertung des astronomischen Bildes sowohl in manueller Form bei Fotoplatten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie auch in automatisierter Form in zeitgenössischen, softwarebasierten Anwendungen zur Klassifizierung von Galaxien. Der Beitrag deutet die fünf Techniken als grenzziehende Praktiken, welche durch gleichzeitiges Ein- und Ausschließen von Information die Produktion von Wissen ermöglichen.
Die Spiegel des Orbitalteleskopes lenken die Photonen astronomischer Phänomene um, die Filter lassen bestimmte Wellenlängen zum Sensor passieren. Die registrierten Signale werden gespeichert, die Daten archiviert und die Bilder in der wissenschaftlichen Auswertung durch das Hinzufügen grafischer Annotationen ausgewertet. Der Beitrag legt den Fokus nicht auf einzelne Bilder als Fallstudien, sondern auf die fünf zentralen Visualisierungspraktiken am Beispiel der Galaxienforschung bei JWST. Die Praktiken werden dabei als komplexes Geflecht menschlicher und nicht-menschlicher Akteure verstanden, welche in der Visualisierung von Infrarotstrahlung astronomische Phänomene sichtbar, klassifizierbar und epistemisch verfügbar machen.
Nina Caviezel
Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte; Universität Basel