Sektion 5: Know how, show how: Kunsttechnologisches Wissen in Kunst und Kunstgeschichte
Katharina Thurmair, München
Theoretisierung der Praxis: Malereihandbücher in Frankreich im 19. Jahrhundert
Der Beitrag widmet sich der Vermittlung der handwerklichen Praxis im Frankreich des 19. Jahrhunderts in Malereihandbüchern. Wie gestaltete sich parallel zu einer Theoretisierung und Institutionalisierung der Disziplin der Ästhetik eine Theoretisierung der Praxis, die in jedem Atelier und in jedem individuellem Handeln unterschiedlich gehandhabt wurde? Neben den ästhetischen Kriterien rückte im Diskurs über die Produktion von Gemälden auch deren materielle Qualität in den Fokus. Neue industriell gefertigte, vorgrundierte Leinwände in Standardformaten oder synthetisch erzeugte, zuvor nicht verfügbare Farbpigmente stellten die Maler vor materialbasierte Herausforderungen, die sich an der Qualität altniederländischer Meister als unerreichte ‚Erfinder’ der Technik der Ölmalerei messen lassen mussten. Wie konnte die Leuchtkraft des Kolorits oder allein dessen Farbechtheit garantiert werden? Wie begegnete man der Gefahr von Frühschwundrissen oder Trocknungssprüngen, um ein möglichst langlebiges Produkt garantieren zu können? Über ihre rein optische Qualität hinaus wurden in solchen Handbüchern die materiellen Eigenschaften der Farbe vermittelt, die die Künstler zuvorderst als Material begreifen sollten. Die Zusammensetzung dieses Farbmaterials aus Pigmenten, Ölen und Harzen bedingte dessen physikalische Eigenschaften wie Trocknungsdauer, Viskosität oder Mischbarkeit, die wiederumhin ihre Rückwirkung auf die Ausdrucksmöglichkeiten und die Ausdrucksqualität des Motivs entfalteten. Einige Autoren distanzierten sich dabei von dem Anspruch, einen allgemeingültigen technisch-handwerklichen Leitfaden zum Einsatz des Malmaterials bereitzustellen. Vermieden werden sollte gerade der Eindruck, bei der Malerei handele es sich um ein reines Handwerk, das sich industriellen, entindividualisierenden Fertigungskategorien annähern ließe. An die Maler richtete sich die Forderung, dem materiellen Aspekt der Malerei größere Beachtung zu schenken, um qualitätsvollere und beständigere Ergebnisse zu liefern. In dieser Theoretisierung lässt sich in Frankreich der Versuch erkennen, das künstlerische faire als wissensbasierte Praxis gegenüber der Ästhetik und der Kunstkritik zu legitimieren und aufzuwerten.