Sektion 4: Wissen und Wirken populärer Bilder
Franziska Bolz, Koblenz

Tingatinga to go: Aneignungen und Transformationen populärer Malerei in der globalen Konsumkultur

Edward Saidi Tingatinga (ca. 1932–1972) begann in den 1960er Jahren in Daressalam an der ostafrikanischen Küste, erstmals figurative Gemälde mit Lackfarben auf quadratischen Masonitplatten anzufertigen. In der Zeit kurz nach der Unabhängigkeit des heutigen Tansanias wurden seine plakativen, hochfarbigen Gemälde rasch bei Diplomatenfamilien, Entwicklungshelfenden und Reisenden populär. Typische Sujets von E. S. Tingatinga und sich anschließender Künstler waren die Tierwelt Ostafrikas, anthropomorphe Wesen sowie Alltags- und Dorfszenen. Nach E. S. Tingatingas unerwartetem Tod 1972 entwickelten seine Familie und Künstler wie Simon Mpata die Kunst weiter. Heute ist die sogenannte Tingatinga-Malerei in lokalen Souvenirshops und touristischen Zentren ubiquitär.
Gemeinsam ist den Sujets und Motiven der Malerei, dass sie vielfach kopiert, abgewandelt, reproduziert und in andere Medien überführt werden. Aus kunstethnologischer Perspektive gilt die Malerei als Touristenkunst (etwa Ströter-Bender 1991), lokale Kunsthistoriker deuten sie als Nationalkunst und populäre Kunst (z. B. Goscinny 2004, Jengo 2017). In Japan und Korea wird die Malerei u. a. als Ausdruck der Seele Afrikas rezipiert (etwa Shiraishi 1990, Jung 2017).
In den 1960ern dienten populäre Bilder wie Reklame, Wandmalereien und Hindu-Kalender E.S. Tingatinga als Inspiration – die Motive der rezenten Malerei wiederum sind in der globalen Konsumwelt angekommen. Bunte, in der Fläche angeordnete Tierdarstellungen mit der charakteristischen schwarzen Umrisslinie finden sich z. B. in internationalen Werbekampagnen und auf Coffee-to-go-Bechern.
Am Beispiel einer Limonadenflasche der Schweizer Marke Rivella und einer Briefmarkenedition der Tanzania Posts Corporation werden diese Prozesse der Aneignungen und Transformationen nachgezeichnet. Versatzstücke von Tiermotiven und Safariszenen finden neue Verwendung als Markenlogo und im Produktdesign, der Name Tingatinga wird nicht mehr nur mit den Gestaltungsprinzipien der Malerei in Verbindung gebracht, sondern erlangt neue Bedeutungen. Was folgt nun aus diesen globalen Verflechtungen für die kunsthistorische Theorie und Praxis?
Franziska Bolz
Universität Koblenz