Sektion 5: Know how, show how: Kunsttechnologisches Wissen in Kunst und Kunstgeschichte
Victoria Frenzel, Berlin
Von A(quarell) bis Z(elluloid). Der neu entdeckte schriftliche und fotografische Nachlass des Restaurators Wilhelm Uhlworm (1882–1967) – Forschungs- und Erkenntnispotentiale
Wer? Wann? Wie? Woher? Das sind die Fragen, mit denen sich Restaurator/-innen sowie Kunsthistoriker/-innen auseinandersetzen, wenn sie ein Kunstwerk und dessen Restaurierungsgeschichte als Teil einer ganzheitlichen Objekt- und Sammlungsgeschichte betrachten wollen. Der neu entdeckte Nachlass des Restaurators Wilhelm Uhlworm (1882–1967) gibt für mehr als 2000 Kunstwerke aus deutschen Sammlungen Antwort auf diese Fragen. Die erhaltenen Schriften und Fotografien ermöglichen einen bisher verborgenen Einblick in die Arbeitspraxis eines sogenannten Künstler-Restaurators des frühen 20. Jahrhunderts, eine Zeit, in der das Dokumentieren restauratorischer Arbeit im Gegensatz zu heute nicht zum Standard gehörte.
Über diese einzigartigen Zeitdokumente – darunter auch ein handschriftlich mehrbändig angelegtes Lexikon mit einer interdisziplinären Sammlung von Techniken und Begriffen der Restaurierung, der Kunstgeschichte und den Naturwissenschaften – lässt sich nachverfolgen, wie sich der restaurierende Künstler bzw. Handwerker aus dem Künstler- und Handwerkertum heraus im Laufe des 20. Jahrhunderts immer mehr als Restaurator innerhalb einer eigenen Berufsgruppe etabliert und sein Wissen nicht mehr nur aus der künstlerischen Praxis und Erfahrung, sondern ebenso aus der naturwissenschaftlichen Forschung und kunsthistorischer Kenntnis enzyklopädisch generiert und teilt. Begleitet wird Uhlworms Aktivität als Restaurator, der u. a. für die Sammlung der Preussischen Schlösserverwaltung und Hermann Göring tätig war, von den besonderen Umständen der kulturhistorischen und politischen Ereignisse und Umbrüche der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, der Gründung der Weimarer Republik, der NS-Zeit und damit verbundenen Kunstgutverlagerungen. Uhlworm hat eine „analoge Datenbank“ hinterlassen, über welche sich die für das bloße Auge meist unsichtbaren Spuren seiner Restaurierungen und die seiner Vorgänger berührungsfrei sichtbar machen lassen, die sie auf Kunstwerken u. a. von Caspar David Friedrich, Rubens, Watteau oder Cranach d. Ä. hinterlassen haben und welche die Wirkung und die Interpretation dieser Werke bis heute noch mit beeinflussen. Anhand von ausgewählten Fallbeispielen soll gezeigt werden, welche Lücken dank dieses einzigartigen Wissensspeichers innerhalb von Objektgeschichten geschlossen und welche weiteren Erkenntnisse für die Restaurierungs-, Technik- und Kunstgeschichte gewonnen werden können.
Victoria Frenzel
Technische Universität Berlin