Sektion 7: „Die Bilderwissenschaft ist mühelos“: ‚Glokales‘ Nichtwissen in den Bildkünsten
Raphaèle Preisinger, Zürich
Von Patmos nach Tepeyac: Die Jungfrau von Guadalupe im Spiegel transkultureller Bild- und Sakralitätskonzepte
Im Zuge der Etablierung der spanischen Herrschaft über das Aztekenreich im 16. Jahrhundert wurden ‚gute christliche Bilder‘ den sogenannten ‚Idolen‘ präkolumbischer Kulte gegenübergestellt. Sie standen im Dienst der Verfestigung der neuen kolonialen Machtverhältnisse: Von der Atlantikküste bis Mexiko-Tenochtitlán ersetzten die europäischen Eroberer vermeintliche oder tatsächliche indigene Kultobjekte durch Kruzifixe oder Bilder der Jungfrau Maria. Darstellungen der Gottesmutter mit den Attributen des apokalyptischen Weibes erfuhren dank europäischer Drucke auf dem amerikanischen Kontinent weite Verbreitung. Dies schlug sich in der Ikonografie der Jungfrau von Guadalupe nieder, einem Gemälde, das in der Nähe der Stadt Mexiko verehrt wurde und ab der Mitte des 17. Jahrhunderts allmählich zum bedeutendsten christlichen Kultbild Neu-Spaniens und des gesamten amerikanischen Kontinents aufstieg.
Die Auffassung des christlichen Kultbildes, die sich an der Legendentradition der Jungfrau von Guadalupe ablesen lässt, wich jedoch von zeitgenössischen europäisch-katholischen Deutungsmustern verehrungswürdiger Bilder entscheidend ab. Obgleich das Kultbild in Tepeyac ikonografisch eng an europäische Vorbilder anknüpft, lässt sich der ontologische Status, der diesem Objekt durch seine Entstehungslegende zugeschrieben wurde, nur vor dem Hintergrund der Verwebung europäisch-christlicher und mesoamerikanisch-präkolumbischer Bild- und Sakralitätskonzepte erfassen.
Dieser Vortrag beleuchtet die Etablierung des neuspanischen Kultbildes aus einer transkulturell ausgerichteten bildwissenschaftlichen Perspektive. Die früheste gedruckte Version der Legende vom übernatürlichen Abdruck des Bildes der Jungfrau auf dem Mantel eines mexikanischen Indigenen ist Miguel Sánchez’ 1648 veröffentlichter Wunderbericht „Imagen de la Virgen María, Madre de Dios de Guadalupe“. Obwohl Teile der Forschung noch immer davon ausgehen, dass dieser Text, der fortan die Deutung des Bildes bestimmen sollte, Sánchez’ genuine Erfindung sei, lassen sich die Begründungszusammenhänge, die der Autor für die Entstehung des Bildes anführt, ohne ältere indigene Denkmuster nicht vollständig durchdringen.
Raphaèle Preisinger
Universität Zürich