Sektion 6: Zählen, Skalieren, Automatisieren: Digitale Wissensprozesse in der Kunstgeschichte
Anselm Treichler, Köln
Wie materialisiert sich unser digitales Wissen? Zugänglichkeit und Verschließung von Information in Data Centern
Data Center sind eine neue Bautypologie des 21. Jahrhunderts, in denen die widerstreitenden Prinzipien und Mechanismen unserer Wissensgesellschaft und ihrer Anhäufung riesiger Datenmengen zum Ausdruck kommen. Entgegen einer proklamierten Öffnung durch Digitalisierung wird eine zunehmende Begrenzung der Zugänglichkeit sowie eine Selektierung und Ökonomisierung von Wissen deutlich. Welche Bauformen und Machtansprüche werden in den Data Centern sichtbar, in denen private Daten, Bilder und im Zuge umfassender Digitalisierung auch unser gesellschaftliches Wissen in der Cloud materiell manifestiert ist? Welche Rolle spielen die Gebäude an der Schnittstelle von Speicherung, Zugänglichmachung, KI-Anwendungen und gegenwärtiger digitaler Wissensprozesse?
Googles Data Center Council Bluffs in Iowa wird als paradigmatisches Fallbeispiel für einen spezifischen Bautypus und das Verhältnis zwischen Öffnung und Verschließung herangezogen. Die Abschottung des Datenlagers und die Thematisierung architektonischer und gesellschaftlicher Verhältnisse wird in dem Kunstprojekt „Farm“ von John Gerrard sichtbar. Ausgehend von dem Beispiel wird eine architekturhistorische Einordnung des Bautypus vorgenommen und untersucht, welche Rolle den Data Centern aus Sicht der Kunst- und Architekturgeschichte im Kontext digitaler Wissensprozesse und einer kritischen Infrastruktur zukommen.
Die Data Center der Cloud-Architektur können trotz einzelner Leuchtturmprojekte, wie dem AM4 von Equinix in Amsterdam, überwiegend im Verborgenen verortet werden und entziehen sich damit einer Wahrnehmung der Allgegenwärtigkeit des weltweiten Datenverkehrs. Kann damit das in der Öffentlichkeit vermittelte Bild einer unbegrenzten, sauberen und sicheren Datenkommunikation und Wissensspeicherung überhaupt gewährleistet werden? Die physische Materialisierung der riesigen Datenmengen in unscheinbaren Serverfarmen folgt, so die These, dem Prinzip einer konsequenten Verschließung, die dem Ideal des Internets als einer allgemein öffentlichen Zugänglichmachung radikal widerspricht.
Anselm Treichler
Universität zu Köln