Sektion 8: Hülle und Fülle: Materialität und Erkenntnispotential von Wissensbehältern
Ulrike Keuper, München
Wissen in Wachs. Epistemologische Dimensionen der Ceroplastik in der Sammlung Elisabeth-Sophie Chérons
Als der sizilianische Wachsbildner Gaetano Giulio Zumbo 1701 in Paris eintrifft, führt er ein anatomisches Modell des menschlichen Kopfes aus Wachs mit sich, das als neuartiges Wissensmedium und künstlerische Innovation gleichermaßen Furore macht – und von dem ein Exemplar beinahe in die Sammlung der Malerin, Kupferstecherin und Schriftstellerin Elisabeth-Sophie Chéron aufgenommen worden wäre. Stattdessen gelangten zwei kleine Wachsdioramen Zumbos in ihren Besitz, die als Schlüsselwerke des Kabinetts weithin bekannt wurden.
Der Vortrag nimmt seinen Ausgang in den Pariser Werken Zumbos und diskutiert diese als Objekte, in denen sich verschiedene hermeneutische Funktionen und Modalitäten von Wissenserwerb überlagern. Es soll nachvollzogen werden, wie die Werke bei Eintritt in die Sammlung der Künstlerin einem von Roger de Piles angeführten Malereidiskurs angegliedert werden. So zeigt sich, dass diese Objekte ihr Erkenntnispotenzial im Schnittfeld verschiedener Wissensregimes entfalten: als Projektionsflächen für kunsttheoretische, kunsttechnologische, kennerschaftliche und epistemologische Debatten (etwa zum Status der Wachsplastik im Gattungsgefüge, zu Fragen der Intermedialität oder zur Darstellbarkeit von Affekten).
Der Vortrag fragt insbesondere danach, inwiefern sich an ihnen – im Kontext weiblichen Kunstschaffens – der akademische Diskurs zur Entstehung von Affekten verschiebt. Hierzu werden die Stücke vor dem Hintergrund bestehender Wachsbildnerei und der zugehörigen Sammel- und Ausstellungspraktiken betrachtet. Als Kontrapunkt zur Wachsplastik als Vehikel für Affektstudien lässt sich das Wachsfigurenkabinett des königlichen Malers und Wachsbildners Antoine Benoist in Chérons Nachbarschaft betrachten, dessen Publikum die paradoxe Abwesenheit lebendigen Ausdrucks der lebensnahen Figuren vermerkt.
Sammlungen von Künstler/-innen wie jene Chérons, so soll der Vortrag zeigen, erweisen sich so als zentrale Schnittstellen zwischen künstlerischer Praxis und theoretischer Reflexion – und als Schlüsselorte der Generierung und Weitergabe von (Künstler-)Wissen in der Frühen Neuzeit.
Ulrike Keuper
Ludwig-Maximilians-Universität München