Sektion 8: Wall labels. Beschriftungen in Ausstellungen zwischen Bild, Text und Raum
André Rottmann, Frankfurt (Oder)

Das „annotierte Readymade“: Objekt, Text und Raum in der Praxis von Cameron Rowland

Spätestens im Zuge der linguistischen Redefinition des Kunstobjekts in den konzeptuellen Praktiken der 1960er Jahre und deren (faktografisch inspirierter) Erweiterung in der ortsspezifischen bzw. institutionskritischen Kunst seit den frühen 1970er Jahren kann für bis heute dominante ästhetische wie diskursive Formationen innerhalb der zeitgenössischen Kunst die (indes niemals vollständig auflösbare) Gleichung von Kunst mit Information gelten. Kennzeichnend für solche Praktiken war und ist nicht nur die Proliferation von Text als Medium künstlerischer Präpositionen, sondern auch die (u. a. von Craig Owens in Anschluss an Barthes benannte) Passage vom Werk zum Rahmen, d. h. die Integration und Gestaltung konventioneller Elemente der Vermittlung in Ausstellungssituationen, so dass Wandtexte und Wall Labels, Handouts und Kataloge nicht mehr nur einem dem ästhetischen Objekt äußerlichen musealen Apparat angehören, sondern als Supplemente das Werk entscheidend komplementieren oder zuvorderst konstituieren.
Vor diesem Hintergrund analysiert der Vortrag in einer Serie von Fallstudien die Praxis des US-amerikanischen Künstlers Cameron Rowland, dessen Ausstellungen seit 2014 sich, so die These, sowohl dadurch auszeichnen, das Verhältnis und die Gewichtung von Objekt und Text in räumlichen Konstellationen (und über diese hinaus) zu verkehren als auch (und damit unmittelbar einhergehend) ein radikal neues Verständnis, genauer eine aktuelle dekoloniale Phänomenologie des Readymades zu etablieren. Rowlands Ausstellungen (etwa im Artists’ Space, New York 2016, Moca, LA 2018, im ICA, London 2020 und derzeit im MMK, Frankfurt a. M. 2023) konfrontieren Betrachterinnen und Betrachter in provokant spärlichen Settings mit appropriierten Alltagsobjekten und exponierten architektonischen Elementen, auf deren Matrix der Produktion wie Provenienz in aufwendig recherchierten, theoretisch informierten und immens elaborierten Texten zur Geschichte und Gegenwart rassifizierter Arbeits-, Eigentums- und Gewaltverhältnisse verwiesen wird.

Der Vortrag strebt an, anhand von Rowlands Praxis ein – erst und nur durch eben diese umfangreichen, z. T. sogar exzessiven Kommentierungen begründetes – Konzept des „annotierten“ (statt „assisted“) Readymades zu entwickeln, welches zugleich auf Analytik und Affektivität setzt und in der Auseinandersetzung mit dem persistenten Erbe von Sklaverei und Kolonialismus eine politisch engagierte Fortschreibung der Institutionskritik in der zeitgenössischen Kunst leistet.

Kurzbiografie André Rottmann
1998–2006Studium u. a. der Kunstgeschichte, Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft und Französisch in Berlin, Boston und Bordeaux
2005–2010(Chef-)Redakteur der Zeitschrift Texte zur Kunst; 2011–2023 Mitglied des redaktionellen Beirats
2011–2018Promotion an der FU Berlin („Site as Modulation. The Work of John Knight“); 2011–2012 und 2017–2018 Stipendium der Gerda Henkel Stiftung
2012–2016Wiss. Mitarbeit (Praedoc) der Kolleg-Forschergruppe BildEvidenz. Geschichte und Ästhetik an der FU Berlin
2018–2022Wiss. Mitarbeit (Postdoc) im Arbeitsbereich Neueste Kunstgeschichte / Modern and Contemporary Art am KHI der FU Berlin
seit 2022TT-Professur für Theorien der Künste und Medien an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
seit 2023 Mitglied des Advisory Board von OCTOBER
Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte Europäische und nordamerikanische Nachkriegskunst; zeitgenössische Kunst im globalen Kontext; Verhältnis von Kunst(-geschichte) und Medientheorie; Ökologien und/der Kunst; post- und dekoloniale Perspektiven in der Gegenwartskunst
Publikationsauswahl
  • Randomizing Painting: Notes on Richter’s Abstractions, in: Benjamin H. D. Buchloh und Sheena Wagstaff mit Brinda Kumar (Hgg.): Gerhard Richter: Painting After All, Ausst.-Kat., New York 2020, S. 82–93, S. 258–260.
  • Isa Genzken. Fuck the Bauhaus, Afterall One Work Series, Cambridge, Mass./London 2023.
  • (Hg. mit Simon Baier) Kunst ohne Bewusstsein? Beiträge zur technologischen Ästhetik der Gegenwart, Berlin/Boston 2023.
  • (Hg.) In the Maze of Media. Essays on the Pathways of Art after Minimalism, Bielefeld 2023.
  • (Hg.) Pierre Huyghe. OCTOBER File, Cambridge, Mass./London (in Vorbereitung für 2025).